„Sprechen wir (nicht) über Krebs. 150 Jahre Emotionsgeschichte einer Krankheit“
„Sprechen wir (nicht) über Krebs. 150 Jahre Emotionsgeschichte einer Krankheit“
Max Neuburger Lecture*
21.05.2026 um 18:00 UHR
JOSEPHINUM
WÄHRINGER STRASSE 25
1090 WIEN
Über die Veranstaltung
Sprechen wir (nicht) über Krebs. 150 Jahre Emotionsgeschichte einer Krankheit
„Wo zu Großmutters Zeiten Sex tabu war, sind heute Sterben, Tod und Krebs tabu, das ist unsere moderne Pornographie.“ So beschrieb die Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef 1975 in einem Interview, wie ihre Umwelt auf die Nachricht von Knefs Brustkrebserkrankung reagierte: unbeholfen, betreten und sprachlos. Doch der polemisch zugespitzte Satz zeigte zugleich, dass ein anderes Sprechtabu Mitte der 1970er Jahre erodierte: Knef war von ihren Ärzten gesagt worden, an welcher Krankheit sie litt. Das war nicht immer so gewesen.
Doch die Geschichte der (Ent-)Tabuisierung von Krebs ist weitaus komplexer und windungsreicher, als es der von Knef und anderen Menschen seit den 1970er Jahren ausgerufene Tabubruch vermuten lässt. Denn bereits zuvor gab es Bestrebungen, offen über Krebs zu sprechen, die sich jedoch nicht längerfristig durchsetzen konnten. Und auch die Argumente, mit denen die Mitteilung einer Krebsdiagnose eingefordert wurde, blieben in den vergangenen 150 Jahren keineswegs die gleichen. Heutzutage scheint das Krebstabu dagegen Geschichte zu sein – in jedem Medium hören wir Menschen über Krebs sprechen, kaum eine Person des öffentlichen Lebens, die die Diagnose Krebs erhält, wendet sich nicht bald darauf mit klaren Worten an die Öffentlichkeit. Doch heißt das, dass alles sagbar geworden ist?
Der Vortrag erkundet die vielschichtige Geschichte des Schweigens und Sprechens über Krebs und zeigt, wie eng diese mit historisch wandelbaren Vorstellungen über Gefühle verbunden ist.
*Die Max Neuburger Lectures sind eine Vortragsreihe des Institutes für Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin der Medizinischen Universität Wien und des Josephinums. Sie sind dem Neurologen, Medizinhistoriker und Gründer des Wiener Institutes für Medizingeschichte, Max Neuburger, gewidmet.
Bettina Hitzer
Bettina Hitzer ist Professorin für Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg sowie Leiterin des dortigen Klinischen Ethikkomitees. Sie studierte Geschichte, Romanistik, Germanistik und Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin und an der Université de Paris I-Sorbonne. Promotion in Bielefeld mit der Arbeit „Im Netz der Liebe. Die protestantische Kirche und ihre Zuwanderer in der Metropole Berlin (1849-1914)“. Von 2008 bis 2020 arbeitete sie am Forschungsbereich Geschichte der Gefühle des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (Berlin). Ihre Habilitationsschrift erschien unter dem Titel „Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhundert“ und wurde 2020 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Bildbeschriftung:The healing touch, emotional cancer journey.
Von Michele Angelo Petrone (1963-2007), Künstler und Krebspatient
Rechteinhaber: Wellcome Collection, London (mit Dank für Abdruckgenehmigung)
Wir bitten um Ihre Anmeldung unter: einladungen@josephinum.ac.at